Schulprofil

  • Öffentliches Gymnasium in Trägerschaft der Stadt Osnabrück
  • Gegründet 804 von Karl dem Großen
  • Modernes Gymnasium, das sich einem christlich-humanistischen Menschenbild verpflichtet fühlt

Eine kurze Chronik des Gymnasiums Carolinum finden Sie hier.

Schulkonzept

Das Carolinum hat seit 1995 ein Schulkonzept.
Hier folgt der vollständige Text. Sie können das Schulkonzept als PDF-Datei herunterladen.

I. Grundlegung

1.
Das Gymnasium Carolinum ist ein öffentliches Gymnasium im Lande Niedersachsen. Es gilt also das Niedersächsische Schulgesetz. In dessen §2, der den Bildungsauftrag der Schule beschreibt, heißt es in Abs. 1: "Die Schule soll ... die Persönlichkeit der Schüler auf der Grundlage des Christentums, des europäischen Humanismus und der Ideen der liberalen, demokratischen und sozialen Freiheitsbewegungen weiterentwickeln." Dieser Satz ist offensichtlich eine parlamentarische Kompromissformel. Erst der folgende Satz des Schulgesetzes gibt eine deutlichere Richtung an: "Erziehung und Unterricht müssen dem Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland und der Niedersächsischen Verfassung entsprechen; die Schule hat die Wertvorstellungen zu vermitteln, die diesen Verfassungen zugrunde liegen." Durch diese Verfassungsbindung, vor allem aber durch die Bindung an die diesen Verfassungen zugrundeliegenden Wertvorstellungen, gewinnt der Bildungsauftrag der Schule Kontur und Gesicht. Mit dieser Formulierung wird aber auch den mannigfachen Ausprägungen gesellschaftlicher Tendenzen und Wertvorstellungen großer Raum gelassen.

2.
Im Zuge des Umbaues des Osnabrücker Schulwesens schlossen Anfang der siebziger Jahre die Stadt Osnabrück als Schulträger des Carolinums, das Bistum Osnabrück und der Ursulinenorden, damals noch Schulträger der Ursulaschule, einen Vertrag, mit dem das Carolinum in das Schulzentrum Dom eingegliedert und mit dem die Kooperation aller Schulen in diesem Schulzentrum festgeschrieben wurde. Dies entsprach dem Wunsch von Schulleiter, Kollegium und Elternschaft des Carolinums. In diesem Schulvertrag ist der § 3 Abs. 2 so formuliert: "Stadt, Bistum und Orden gehen davon aus, dass im Sinne des Zusatzprotokolls zu Ziffer 6 zur Vereinbarung zum Konkordat Geist und Lehrangebot des Carolinums - wie vom Land Niedersachsen zugesichert - auch künftig eine Kooperation mit den kirchlichen Schulen ermöglichen." (Schulvertrag vom 18.06.1975) Dieser Vertrag schafft schärfere Konturen für ein Schulkonzept Carolinum. Der Schulträger, der Schulleiter, das Kollegium und die Eltern, die diesem Vertrag grundsätzlich verpflichtet sind und ihn weiterhin wünschen, binden die Schule damit an einen christlichen Wertemaßstab, an dem das gesamte Schulleben zu messen ist.

3.
Das christliche Selbstverständnis beruht auf der durch Christus gegebenen Freiheit, die den Menschen in die Lage versetzt, seine ihm gegebenen Anlagen ohne Angst zu entwickeln. "Christliche Anthropologie geht" aber auch "davon aus, dass Christsein nicht eine zusätzliche Qualität zum Menschsein beinhaltet, sondern die im Menschen grundgelegten Schöpfungsanlagen entfalten möchte." (Schulentwicklungsplan Bistum Osnabrück) In diesen Formulierungen wird das christliche Verständnis von der Bedingtheit des Menschen (Geschöpf Gottes) und seiner unverlierbaren Freiheit gleichzeitig sichtbar.

Mit jedem Menschen wird ein neuer Anfang gesetzt, mit jeder Geburt beginnt ein Leben, das in Freiheit gestaltet werden soll; dessen Freiheit nicht zuletzt darin begründet ist, dass die Bedingungen seiner Existenz über das, was Menschen verfügbar ist, hinausreichen.

Christliche Bildung und Erziehung dürfen also junge Menschen nicht dem Diktat willkürlich gesetzter eigener Maßstäbe unterwerfen; sie ist vielmehr "laietsijg sevmg" (Hebammendienst / Geburtshilfe), wie Platon den Sokrates sagen lässt; sie "entbindet" die Kräfte des jungen Menschen, die nötig sind, in Freiheit das zu werden, was er sein kann und sein soll. Bildung und Erziehung, die sich den Wertmaßstäben einer christlichen Anthropologie verpflichtet wissen, sind daher nie "manipulierend ... (und einseitig) leistungs- oder konsumorientiert. Sie können sich nur fördernd, kreativ-entfaltend, konstruktiv-kritisch und verantwortlich zeigen." (Schulentwicklungsplan Bistum Osnabrück) Dies verpflichtet besonders Lehrerinnen und Lehrer, die Personwürde ihrer Schülerinnen und Schüler zu achten. Selbstverständlich ist die Entwicklung intellektueller Fähigkeiten unabdingbarer Bestandteil gymnasialer Bildung. Gleichrangig aber muss sich solche Pädagogik um Gefühlsleben und Kreativität kümmern, musische Anlagen und Willenskräfte stärken und nicht zuletzt das Gewissen bilden, damit der junge Mensch lernt, später als Erwachsener in der Gesellschaft ethisch verantwortet zu handeln.

4.
Im christlichen Menschenbild als Grundlage aller Bildung und Erziehung zeigen sich Geist und Tradition des Carolinums. Dessen waren sich Schulleiter, Kollegium und Elternschaft bewusst, als sie 1975 den bereits genannten Schulvertrag mitgestalteten und ihm zustimmten. Die Tradition christlicher Erziehung ist durch nun fast 1200 Jahre in der Geschichte des Carolinums kontinuierlich bewahrt worden, auch in Zeiten der Diskontinuität in anderen Bereichen des Schullebens. Die Verpflichtung auf die lebendige Einbeziehung von Kunst und Wissenschaft in die Arbeit unserer Schule in Verbindung mit der christlichen Tradition ist formuliert in dem Bild, dass auf dem Dach des Carolinums Platz sein müsse für beide, für die Eule der Athene (Minerva) und für die Taube des Heiligen Geistes, die sich gemeinsam erfreuen an der Leier des Orpheus.

5.
Sich für das christliche Menschenbild als Maßstab von Bildung und Erziehung zu entscheiden, ist mehr, als von einer öffentlichen Schule gemeinhin verlangt wird. Sich für eine solche Grundlage zu entscheiden, ist aber notwendig für das Carolinum, wenn es sich nicht von seiner eigenen Geschichte abschneiden will, sondern bleiben will, was es zu sein beansprucht: ein staatliches Gymnasium mit katholischer Prägung, traditionell der Oekumene verpflichtet.
Dies gilt in besonderer Weise für das Kollegium: Es sollte sich im Diskurs über die inhaltliche Ausgestaltung christlichen Schule-Haltens immer wieder verständigen.
Es gilt aber auch für Eltern, für Schülerinnen und Schüler, die sich in Osnabrück durchaus auch für andere gymnasiale Bildungs- und Erziehungskonzepte entscheiden können. Dass diese Grundlage eines Schulkonzeptes nicht in muffige Engstirnigkeit führt, sondern zu großzügiger Toleranz ermuntert, liegt in der Natur dieser Überlegungen selbst. Diese Toleranz begründet und pflegt eine Kultur der Auseinandersetzung, in der jeder - Schüler, Eltern und Lehrer - seine Einflussmöglichkeiten unter Anerkennung der unterschiedlichen Kompetenzbereiche geltend machen soll.

II. Umbrüche

Nach einer Zeit relativer Ruhe erleben wir seit Ende der 60er Jahre und verstärkt in unseren Tagen geradezu eine Lawine gesellschaftlicher und politischer Umbrüche, verbunden mit einem Wertewandel, der die Schule vor große Herausforderungen stellt, ihr aber auch die Chancen positiver Einflussnahme eröffnet:

Kennzeichen heutiger Gesellschaft und ihre Auswirkungen auf unsere Schule:

  • Ein Kennzeichen unserer heutigen Gesellschaft ist, dass die Errungenschaften der modernen freiheitlichen Demokratie zur Selbstverständlichkeit geworden sind. Die heutige Erwachsenengeneration in den alten Bundesländern empfindet Entscheidungsfreiheit und Selbstverantwortlichkeit in allen Lebensbereichen nicht mehr als neu wie die Generation der Nachkriegszeit oder die Menschen in den neuen Bundesländern, sondern als bare Selbstverständlichkeit. Dieses Lebensgefühl im Alltag ist zum Prüfstein für Staat und Parteien, für die Schule und auch für die Kirchen geworden und, da dort diese "Spielregeln" zum Teil nicht eingehalten werden, zum Teil nicht anwendbar sind, eine der Ursachen für deren Glaubwürdigkeitsverlust.
  • Unsere Gesellschaft ist von einer zunehmenden Individualisierung und Privatisierung gekennzeichnet, die einerseits einen Gewinn an Freiheit und Entscheidungsmöglichkeiten bedeutet, andererseits den Einzelnen aber auch zwingt, Entscheidungen zu treffen, ohne dass er immer die Befähigung zur Urteilsbildung und die dazu notwendigen Maßstäbe besitzt.
  • Die Familie erfüllt häufig nicht mehr die Funktion, Ort der zweiten, der sozialen Geburt des Menschen zu sein: Die Beziehungen vieler Eltern sind konfliktgeladen und zerrüttet, was für die psychische und soziale Entwicklung des Kindes, aber auch für seine schulische "Leistungsfähigkeit" eine entscheidende Rolle spielen kann; eine hohe Scheidungsrate hat die Zahl der Scheidungswaisen und den Anteil der Kinder, die in Stieffamilien aufwachsen, stark ansteigen lassen, so dass viele Kinder in einem hochkomplexen Beziehungsgefüge und häufig mit destabilisierenden Erfahrungen aufwachsen. Manche Kinder bewältigen dies allerdings auch und entwickeln so eine hohe und differenzierte Beziehungsfähigkeit über die Ursprungsfamilie hinaus.
  • Durch den Erfolgsdruck, den die Gesellschaft heute ausübt, wächst die Gefahr einer zu starken Erwartungshaltung in der Eltern-Kind-Beziehung, die dazu führen kann, dass Eltern sich ganz und gar auf die Kinder konzentrieren und sie mit eigenen Wünschen überfordern.
  • Die Mehrzahl unserer Schüler kommt aus Familien mit nur einem Kind. Diese Kinder müssen auf eine geschwisterliche Lebensform verzichten. Bestimmte Formen der primären Sozialisation können daher erst im Kindergarten bzw. in der Schule eingeübt werden.
  • Die Autorität des Lehrers gründet heute nicht mehr ausschließlich auf seiner fachlichen Kompetenz, sondern zunehmend auf seiner Fähigkeit, den Prozess der Sozialisation zu begleiten und zu fördern.
  • Junge Menschen sind heute einer bisher nicht gekannten Reizüberflutung aus der Werbe-, Medien-, Kommunikations- und Informationswelt ausgesetzt. Moderne Kommunikationsmittel eröffnen aber auch die Chance zur Erweiterung des Wissenshorizontes, können ein Tor zur Weltoffenheit sein und zu einem globalen, über nationale Grenzen hinausgehenden Weltbewusstsein. Meditative Elemente (Märchen, Mythos, erzählte Geschichte und Geschichten) fallen dagegen weitgehend aus. Dadurch entstehen Leerstellen im Gefühl, die mit Entbehrung, Verlassenheit, Angst oder Aggressivität besetzt werden: Diese Umbrüche scheinen die Neigung, Konflikte gewaltsam zu lösen, zu verstärken.

"Was moderne Menschen so leicht in die totalitären Bewegungen jagt und sie so gut vorbereitet für die totalitäre Herrschaft, ist die allenthalben zunehmende Verlassenheit. Es ist, als breche alles, was Menschen miteinander verbindet, in der Krise zusammen, so dass jeder von jedem verlassen und auf nichts mehr Verlass ist." (Hannah Arendt)
Gerade unsere Schule, die sich in ihrem Bildungsauftrag einem christlichen Menschenbild verpflichtet weiß, muss die jeweiligen gesellschaftlichen Herausforderungen erkennen, sie auf ihre Bedeutung für Kinder und Jugendliche befragen und versuchen, die Inhalte von Unterricht und Erziehung, aber auch die Vermittlungsformen so darauf abzustimmen, dass sie Schülerinnen und Schüler aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld abholt und mit ihnen die notwendigen Orientierungen erarbeitet.

III. Schlussfolgerungen für die Praxis

Ein Schulkonzept kann und soll keine praktischen Einzelmaßnahmen formulieren. Vielmehr zeigt es größere Bereiche des Schullebens und allgemeine Überlegungen, die einen Blick auf das Gesamtbild Carolinum möglich machen, deren Konkretion aber den Entscheidungen der Gesamtkonferenz und der Fachkonferenzen aufgegeben bleibt. Andererseits sollen die folgenden Überlegungen diesen Gremien immer wieder Anstöße geben, das Schulkonzept für die Praxis fruchtbar zu machen; hierin besonders zeigen sich Verbindlichkeit des Schulkonzeptes einerseits und seine Prozesshaftigkeit andererseits.

1.
Die Grundauffassung, die das Carolinum von seiner Aufgabe hat, wird besonders in dem sichtbar, was es tatsächlich im Unterricht der einzelnen Fächer leistet oder doch zu leisten sich tatkräftig und wirksam bemüht. Das Gesamtkonzept der Schule realisiert sich zunächst einmal in der Wirklichkeit des Fachunterrichtes.
Diese Zielsetzung verlangt einen geistig anspruchsvollen Unterricht, der auch vom Schüler das Beste fordert, das er zu geben vermag. "Zugleich muss der Schüler aber zu solchem Bemühen gewonnen sein - es muss ein zutiefst freudiges Bemühen sein, eine Erfüllung aus Eros, nicht eine Zwangsarbeit. Das Lehren soll so sein, dass das Dargebotene als wertvolles Geschenk und nicht als saure Pflicht empfunden wird." (A. Einstein: Erziehung zu selbständigem Denken) "Den Schüler zu Interesse und Mitarbeit zu gewinnen, ist nicht der Zuckerguss auf dem pädagogischen Kuchen - es ist die Hefe, ohne die der Teig nicht aufgehen kann." (A. J. Wittenberg: Bildung und Mathematik)
Wer von der Geschöpflichkeit des Menschen weiß, wer sich darüber im klaren ist, dass nicht nur Köpfe, sondern Schülerinnen und Schüler täglich im Carolinum aus und ein gehen, der muss die Ganzheitlichkeit des Menschen in den Blick nehmen, der muss aber auch einen anderen Begriff von Unterricht gewinnen, als wir ihn gemeinhin haben. Unterricht muss dann mehr sein als das, was Stundentafeln und Rahmenrichtlinien vorschreiben: Diese wenden sich im wesentlichen an den intellektuellen Bereich. Wenn Schule aber mitverantwortlich ist für die Erziehung des ganzen Menschen, nicht nur für seine wissenschaftlichen, sondern auch für seine kreativen, meditativen und ethischen Möglichkeiten, wenn Schule junge Menschen in Freiheit zu dem führt, was sie sein können und sein sollen, muss im Unterricht der ganze Mensch vorkommen.
Dann muss aber auch anderes Unterricht genannt werden dürfen, was nicht in den Stundentafeln steht: Exkursionen, Freizeiten geistlicher und musischer Art, Klassenfahrten, Arbeitsgemeinschaften, Gottesdienste. Konsequenterweise ist es dann auch Aufgabe des gesamten Kollegiums, sich um diese Schulveranstaltungen zu kümmern, sie mitzugestalten und für sie zu werben; solche Veranstaltungen müssen gemeinsam konzipiert und von allen beschlossen werden. Diese neue Sicht von Unterricht erfordert Mut zum Umdenken und eine breite, ständige und offene Diskussion darüber.

2.
Eine christliche Schule fordert eine bestimmte Art des Umgangs miteinander. Dies bedeutet insbesondere, dass eine Grundhaltung der Wertschätzung und Achtung die Beziehungen prägen sollte und die Lehrer bereit sein müssen, das pädagogische Beziehungsangebot auch dort aufrecht zu erhalten, wo Jugendliche in ihrem Verhalten vom Erwarteten abweichen. Insgesamt ist eine Kultur der Auseinandersetzung anzustreben, die unterschiedliche Sichtweisen, Meinungsverschiedenheiten und Interessengegensätze als normal empfindet und ihre Regulierung als pädagogische und demokratische Daueraufgabe annimmt. Die Erfahrung von Einflussmöglichkeiten ist vor allem für Schüler, aber auch für Eltern unerlässlich, um eine Motivation für die Mitarbeit am Schulgeschehen entwickeln und aufrechterhalten zu können.

In unserer Schule werden Schülerinnen und Schüler aus unterschiedlicher Herkunft unterrichtet. Wir müssen dies als Chance und Aufgabe begreifen, kulturelle Verschiedenheiten zu sehen und anzunehmen. Wir müssen eine Streitkultur entwickeln, die gewaltfreie Konfliktlösungen möglich macht; dabei spielt die konsequente Ablehnung von Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung eine wichtige Rolle.

3.
Erziehung ist immer Stärkung von Selbständigkeit und von Selbstverantwortung. Dieses Ziel muss im Schulleben ständig gefördert und sichtbar gemacht werden. Der Wille der Schüler zur Mitwirkung an der Gestaltung des Schullebens darf daher von den Lehrern nicht als lästige Einmischung in ihre Kompetenzen verstanden werden. Ganz im Gegenteil: Die Schüler müssen je nach ihrem zunehmenden Alter behutsam, aber konsequent und bewusst ermutigt werden, dass sie mit allem Freimut ihre Ideen zur Mitgestaltung der Schule einbringen, dass sie sich aber auch des Stellenwertes dieser Ideen im Gesamtgefüge der Schule bewußt werden.

4.
In den Zusammenhang des Umgangs miteinander gehört auch eine vertiefte oekumenische Arbeit. Was nach dem zweiten Weltkrieg und nach den Erfahrungen gemeinsamer Behinderung der religiösen Erziehung durch die Naziherrschaft in Ansätzen ermöglicht wurde, was dann in den fünfziger und sechziger Jahren kontinuierlich ausgebaut wurde, was schließlich besonders in den siebziger und achtziger Jahren zu einem breiten Strom wurde, das muss gepflegt und weiterentwickelt werden: ein oekumenisches Zusammenleben, das sich in vielfältiger Weise im Schulleben praktisch darstellt. Besonders durch die vielen und in ihrer Form immer weiterentwickelten oekumenischen Schulgottesdienste, das gemeinsame Agapemahl und die Morgengebete, aber auch durch die gemeinsame Fachkonferenz Religion, nicht zuletzt durch das oekumenische Miteinander der Schulpfarrer beider Konfessionen hat sich am Carolinum vielfältiges oekumenisches Leben entwickelt. Die Konfessionen leben hier bereits weitgehend in der "Einheit als versöhnter Verschiedenheit" (Lima-Papier) zusammen. Diese Entwicklung ist nicht abgeschlossen. Vielmehr soll gerade unsere Schule, die hierin freier ist als eine Gemeinde, "im Experimentierfeld" Oekumene weiterentwickeln im Geiste Jesu.

5.
Der Wandel der Funktion und der Gestalt von Familie macht es notwendig, dass unsere Schule andere und mehr Hilfen zur Sozialisation gibt, als wir das bisher gewohnt sind. Weil vielen Kindern geschwisterliche Erfahrungen nicht mehr möglich sind, ist Sozialerziehung notwendig, besonders die Einübung von partnerschaftlichen Umgangsformen, aber auch das Aufbrechen von Geschlechtsklischees und die Hinführung zu Bindungsfähigkeit.

  • Dies geschieht besonders in der "Verfügungsstunde" für die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer, die als Pädagogen ebenso wie die Tutoren in der Kursstufe besonders gefordert sind. Notwendig ist in diesem Zusammenhang eine Weiterbildung der Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer, der Tutorinnen und Tutoren, damit sie die Probleme ihrer Schülerinnen und Schüler kennen- und ihre Auffälligkeiten verstehen lernen. Lernen und erproben müssen wir auch, welche Hilfen wir unseren Schülern bei persönlichen Problemen geben können und welche neuen Umgangsformen mit Eltern allgemein, besonders aber mit Eltern in neuen Familienzusammenhängen notwendig sind.
  • Eine besondere Funktion hat in diesem Zusammenhang die Beratung, eine Aufgabe, die von allen Lehrerinnen und Lehrern wahrgenommen werden muss. Daneben haben vor allem die Beratungslehrer, aber auch die Koordinatoren für die Mittelstufe und die einzelnen Jahrgänge der Oberstufe ihre besonderen Aufgaben, je nach Problemlage und persönlichen Bedürfnissen der Schüler.
  • Klassenfahrten ermöglichen Sozialisationsformen besonderer Art: Häufig offenbart sich erst in der lockeren Atmosphäre einer Klassenfahrt, welche Schülerinnen und Schü-ler einer Lerngruppe mit welchen Problemen zu tun haben, aber auch, welche Kompetenzen und Erfahrungen von Schülern im Unterricht nicht oder zu wenig zum Tragen kommen. Häufig genießt die Klassenlehrerin/der Klassenlehrer während einer Fahrt ganz besonderes Vertrauen als Gesprächspartnerin oder Gesprächspartner. Diese Chancen müssen genutzt werden und Klassenfahrten insgesamt als unverzichtbare Bestandteile des Schullebens angesehen werden.
  • Die Eltern bringen in einem eigenen "Forum" mit Vorträgen und Diskussionen Eltern miteinander und mit Lehrerinnen und Lehrern über Erziehungsfragen ins Gespräch.

6.
Schule, die den Schüler in seiner Ganzheitlichkeit im Auge hat, darf sich nicht verzwecken lassen für den Erwerb von Qualifikationen. Die am Carolinum angestrebte Bildung ist vielmehr das Ergebnis eines Prozesses von qualifizierter Begegnung mit Inhalten und Methoden und qualifizierter Betreuung der Schülerinnen und Schüler. Besonders eine christliche Schule wie unsere sollte den Impuls zur Verantwortung und Verantwortbarkeit vorleben, indem Förderung und Entfaltung im Vordergrund stehen, Wissenszuwachs als ständiger Prozess gesehen wird. Dieser Prozess nimmt nur dann seinen richtigen Weg, wenn nicht Anhäufung von Wissen gemeint ist, sondern bewusst vollzogene Verarbeitung. Dabei spielt das Gespräch, das der Gedankenentwicklung ausreichend Raum gibt, eine wichtige Rolle.
Die Zusammenhänge unseres Lebens sind zu komplex, als dass wir sie ausschließlich bestimmten Fächern zuordnen können. Deswegen sollen in unserer Schule die Schulfächer aufeinander bezogen und miteinander vernetzt werden. Den Schülern dürfen in den verschiedenen Fächern nicht unverbunden nebeneinander gestellte, gegensätzliche Wert- und Anschauungssysteme begegnen, die zur Haltung der Beliebigkeit oder zu hilfloser Orientierungslosigkeit verleiten. Das erfordert in unserem Kollegium ein fächerübergreifendes kollegiales Gespräch u. a. bei Gesamtkonferenzen, Klassen- und Fachkonferenzen und bei Dienstbesprechungen der Fachobleute, in dem gefragt und beantwortet wird, welche Fächer mit welchen Inhalten in welcher Jahrgangsstufe am ehesten den wissenvermittelnden und erzieherischen Auftrag verbinden.
In der Umsetzung der Rahmenrichtlinien auf den Schullehrplan muss der Akzent von der stetig weitergehenden Spezialisierung verlagert werden auf die Verknüpfung der Fächer, deren Inhalte aufeinander bezogen sind.
Auch Projekte schaffen fächerübergreifende Orientierungserfahrungen, die der Selbsttätigkeit und Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler besondere Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Ein solcher Unterricht kann Schülern dazu helfen, sich in einer unübersichtlich gewordenen Welt zu orientieren und verantwortlich zu leben.

7.
Die Lebenswelt unserer Schülerinnen und Schüler ist in den letzten zwanzig Jahren einem starken Wandel unterworfen: Sie ist eine Welt sehr starker Individualisierung geworden, sehr starker Emotionalisierung, sehr starker Visualisierung. Unsere Schule muss sich dieser Lebenswelt öffnen und Themen und Fragestellungen daraus aufgreifen; sie muss aber zugleich Gegenakzente setzen, die über methodisches und systematisches Arbeiten hinaus im Unterricht Arbeitsformen entwickeln, die Raum für Stille, Selbstwahrnehmung und Selbstausdruck schaffen. Dies erfordert von Lehrerinnen und Lehrern sensible Abstimmung mit der Situation der jeweiligen Lerngruppe und pädagogische und persönliche Flexibilität.

8.
Es ist bereits deutlich geworden, dass Allgemeinbildung, dass Studierfähigkeit sich nicht auf den Bereich des Wissenserwerbs allein beschränken lassen. Wenn wir Schülerinnen und Schüler erziehen wollen, die entscheidungsfähig sind, dann stellt sich unausweichlich die Frage nach den Maßstäben, nach denen entschieden wird, also nach der Ethik. Soll diese Frage nicht in einen moralistisch fixierten Kodex münden, müssen wir auf die Sinnsuche der Jugendlichen, wo immer sie sich artikuliert, mit der Bereitschaft zum Gespräch eingehen. Hier handelt es sich um eine Frage, die in besonderer Weise - aber nicht nur - die Religionslehrer angeht. Wenn es um den persönlichen Weg einer Schülerin, eines Schülers geht, müssen sich auch alle anderen Lehrer dieser Frage und Aufgabe stellen. Eine Schule, die eine christliche Schule sein will, muss immer wieder versuchen, Bedingungen und Voraussetzungen zu schaffen, die es Schülern möglich machen, die Sinnfrage zu stellen und Antworten für die eigene Existenz zu finden.

IV. Ausblick

Lehrer, Eltern und Schüler müssen sich ihres Standortes immer neu vergewissern. Deswegen hat unser Schulkonzept den bereits genannten Prozesscharakter:
Im Diskurs aller an der Schule Beteiligten muss geklärt werden,
welche Konsequenzen sich aus diesem Konzept für die alltägliche schulische Praxis ergeben;
wann das Konzept selbst auf seine Aktualität überprüft werden soll.
Diese Aufgabe bleibt besonders der Gesamtkonferenz aufgegeben; sie ist aber auch Gegenstand der Überlegung der anderen für unsere Schule verantwortlichen Gremien.


Im Dezember 1993 habe ich dem Kollegium des Gymnasiums Carolinum den Entwurf für ein Schulkonzept vorgelegt. In diesen Entwurf wurden Vorarbeiten zu Grundsatzfragen, die in den letzten Jahren - vor allem bei Tagungen der schulinternen Lehrerfortbildung - in unserer Schule geleistet worden waren, aufgenommen; darüber hinaus habe ich Aspekte aus der gegenwärtigen Diskussion um eine moderne Form des Gymnasiums aufgenommen sowie Überlegungen, die sich aus der fast 1200jährigen Geschichte dieser Schule ergeben.

Mehr als ein Jahr lang ist dieser Entwurf von einer eigens dazu gebildeten Kommission aus Lehrern, Eltern, Schülern und dem Vorsitzenden des Carolingerbundes diskutiert, verändert und ergänzt worden.
Mitglieder dieser Kommission waren:
- Dr. Dirk Bergmannn (Carolingerbund/Ehemaligenverein)
- RealschulL Radulf Beuleke (Mitglied des Personalrats)
- Dr. Ilse Bürmann (Elternvertreterin)
- StD Hermann Cordes (Vertreter des Schulleiters)
- StR' Maria-Christiane Gieseke (Kollegium)
- Jürgen Griese (Elternratsvorsitzender)
- Paul Janikowski (Schülervertreter)
- StR Peter Kraemer (Kollegium)
- Boris Kutscher (Schülervertreter)
- Bringfriede Miege (Elternvertreterin)
- Schulpastor Klaus Schagon (Kollegium)
- OStD Hermann Sommer (Schulleiter)
- Pastor Rüdiger With (Kollegium)
- RealschulL' Maria von Wuthenau (Kollegium)

Die hier vorliegende Fassung hat die Gesamtkonferenz des Gymnasiums Carolinum am 13.02.1995 zustimmend zur Kenntnis genommen.

Osnabrück, den 3.März 1995
Hermann Sommer
(Oberstudiendirektor)

 

Letzte Änderung: 15.10.2008

Das Bild zeigt einen Ausschnittt aus
einem Mosaik im Treppenhaus des Carolinums.